Die Geschichte der Spessarträuber im 18. Jahrhundert


Die GESCHICHTE DER SPESSARTRÄUBER

IM 18. JAHRHUNDERT

 

Die VORGESCHICHTE

 

314 Stadtstaaten, Kleinstaaten und Kleinststaaten, durch verwandtschaftliche Beziehungen und Verträge ihrer Herrscher, Grafen, Fürsten, Herzöge mehr oder weniger miteinander verbunden, oft zerstritten, bildeten im

19. Jahrhundert das Deutsche Reich.

Man muss sich dieses zersplitterte Staatengebilde wie einen bunten Flickenteppich vorstellen. Preußen und Österreich hatten die Vorherrschaft. Sie bestimmten praktisch die politische Lage in jenem Deutschland, und sie waren Rivalen.

Ein gewisses politisches Recht hatten noch die wohlhabenden kirchlichen Staaten, dann Hannover, Sachsen, Württemberg und Bayern. Mit dem Frieden von Lune`ville nahm Napoleons große Flurbereinigung auf dem Gebiet der deutschen Staaten ihren Anfang. Der kleine Korse schuf Deutsche Mittelstaaten, um politische Gegengewichte zu Preußen und Österreich zu bilden. Die kirchenlichen und alle kleineren Staaten wurden aufgelöst und ihre Gebiete verteilt. Aus den 314 einzelnen Staaten waren noch ganze 34 übrig geblieben. Nach dem Reichsdeputationshauptschluß von 1803 hatte sich der Flickenteppich total verändert.

Zum neugegründeten Rheinbund, der unter Napoleons Protektorat 16 west- und süddeutsche Staaten zusammenfaßte, gehörten unter anderem die Großherzogtümer Baden, Hessen-Darmstadt, Frankfurt mit Aschaffenburg und Würzburg, in deren Gebiet die Waldgebirge des Spessarts und des Odenwaldes lagen. Ihre Einwohner erlebten nicht nur immer wieder Truppendurchzüge, Einquartierungen, Sondersteuern und überhebliches Militär, das jedem Bauern Tische und Bänke zerschlug, wenn nicht jeder Soldat ein Pfund Fleisch pro Tag erhielt. Sie lernten die Marodeure, die plündernden Nachzügler der Soldateska, und die Deserteure kennen, die den Krieg auf eigene Faust und Rechnung betrieben und die Diebesbanden, die seit 1806 Odenwald und Spessart für einzelne Reisende völlig unpassierbar gemacht hatten.

Die Existenzgrundlage der Menschen waren Handwerk und Landwirtschaft. Fabriken gab es nicht, nur die eine oder andere Manufaktur. Jeder Mensch hatte in diesem Staatsgebilde seinen festen Platz. Der Bauer war und blieb Bauer, der Handwerker, Handwerker, der Beamte, Beamter und der Soldat war und blieb Soldat. Nur wenigen gelang es damals, die Grenzen, in die sie ihre Herkunft gesetzt hatten, zu überschreiten.

So wundert es nicht, dass es Leute gab, die aus den verschiedensten Gründen nicht mehr in diesem engen Bereich leben konnten oder mochten.

Wen die Gesellschaft einmal ausgestoßen hatte, für den gab es keinen Weg zurück. Vor ihm lag das unruhige Leben des Vaganten – des Fahrenden. Diese Bevölkerungsschicht war immer der staatlichen Verfolgung ausgesetzt. Sie passte nicht in den Rahmen des absoluten Staates. Warum sollte der Staat für sie sorgen ?

Die zahlreichen Kriege ließen versprengte Soldaten, Deserteuere, vertriebene Bauern auf der Landstraße zurück und sie wurden zu Vaganten. Wandernde Handwerksburschen fanden Gefallen an dem freien Leben. Viele Bauern mussten wegen Missernten und der viel zu hohen Abgaben ihre Höfe aufgeben und mancher Bürger wurde wegen Teuerung und wirtschaftlichen Ruins auf die Straße getrieben. Das Heimatrecht wurde diesen Menschen in der Regel verweigert, denn jeder Ort war verpflichtet, für seine Armen zu sorgen.

Auf der Straße gab es viele Vaganten, die sich dort schon seit Generationen durchschlugen. Sie waren meist Angehörige richtiger Vagantenberufe wie Scherenschleifer, Löffelschnitzer, Korbflechter, Kesselflicker und Spieler, ein Erfordernis, dass ihre Existenz ermöglichte. Sie mussten in einer Welt leben, die sie bestenfalls duldete, immer misstrauisch beobachtet und verfolgt. Wen wundert es da, dass viele aus dieser Schicht heraus ihren Weg in die Kriminalität antraten und zu Räubern wurden.

Kein Geldbote oder Postreiter, aber auch keine Eskorte für die Kaufleute und Passagiere der Postkutsche konnte die Wälder durchqueren, ohne dass die einzelnen Banden für einen rechtzeitigen Achsenbruch sorgten. Sie kannten alle Hinterhalte und Furten durch ihre guten Ortskenntnisse und profitieren durch den Zwist der einzelnen Ämter der vier Großherzogtümern, die in 15 verschiedenen Herrschaftsgebiete zersplittert waren und die keinen Hauch ihrer Kompetenzen an den Nachbarn verlieren wollten.

Frühere Nachrichten über die heute sogenannten Spessarträuber datierten schon aus den Jahren 1395/96, als Frankfurter Kaufleuten eine Ladung Wein „abhanden kam“.

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